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Veröffentlichung mit der freundlichen Genehmigung der Zeitschrift eve (3-2002)

Fleischlos glücklich

Gesünder länger leben. Vegetarier wissen wie. Selbst artgerechte Tierhaltung und Bio-Landwirtschaft zieht nicht jeden zurück an die   Fleischtröge. Was bewegt die Verfechter fleischloser Kost?

Was ist der Mensch? Was isst der Mensch? Ein Buchstabe wandelt die philosophische in eine praktische Frage und führt zu der allgemeinen: Was soll der Mensch essen? Für »Baywatch«-Star Traci Bingham keine Frage. Die US-Schauspielerin aus der bekannten TV-Serie ist überzeugte Vegetarierin und posierte im Sommer mit einem Salat-Bikini bekleidet in provokanter Pose vor einem Steakhouse in Berlin, um ihre neue Kampagne vorzustellen: Unter dem Slogan »Alle Tiere haben dieselben Teile – haben Sie ein Herz, Go Veggie!« tranchiert ein Bodypainting die Schöne aus dem Lebensretter-Epos provokant in »Rippe«, »Steak« und »Keule«.

»Ich möchte die Menschen von den vielen Vorteilen einer vegetarischen Lebensweise überzeugen«, sagt Traci Bingham. »Ich bin gesünder und voller Energie, seitdem ich auf tierische Nahrung verzichte!«

Die Malibu-Nixe gehört neben Baywatch-Kollegin Pamela Anderson, Ex-Beatle Paul McCartney, Spider-Man Tobey Maguire und   »Star-Wars«-Star Natalie Portman zu einer wachsenden Heerschar von Prominenten, die in den USA und in Deutschland die Kampagnen  von »PETA« (People For The Ethical Treatment of Animals), der mit 750.000 Mitgliedern weltweit größten Tierrechtsorganisation, unterstützen.

Mit Promis für den Tierschutz

20 Millionen Amerikaner sind Vegetarier, knapp sieben Millionen Deutsche, Tendenz steigend. Harald Ullmann vom Stuttgarter PETA-Büro glaubt, dass sich jede Woche in Deutschland 4.000 Menschen für die vegetarische Ernährung entscheiden. Auch Vegetarier sind promigläubig, weshalb bekennende Fleischverächter wie Boris Becker, Kim Basinger, Reinhard Mey oder Cosma   Shiva Hagen allenthalben in einem Atemzug mit Arthur Schopenhauer, Wilhelm Busch oder Mahatma Gandhi als Gewährsleute genannt werden, so als sei es schon ein hinreichendes Indiz für die Richtigkeit einer  Sache, wenn sie von vielen Stars propagiert und praktiziert wird. Gewichtiger sind die sachlichen Argumente, die Vegetarier ins Feld führen.

Das ethisch-moralische Motiv, also die Frage, was sittlich geboten ist, ist für die meisten Vegetarier entscheidend für ihre Lebensweise. Bereits in der Antike sprachen sich viele mediterrane Denker wie Pythagoras, Ovid, Seneca oder Plutarch aus moralischen Gründen gegen den Verzehr von Fleisch aus. In fast allen Weltreligionen finden sich Gedanken, die sich mit dem Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen beschäftigen. Das zentrale christliche Gebot »Du sollst nicht töten« führt für viele zu der logischen Empfehlung, eine vegetarische Lebensweise zu praktizieren. Schockierende Bilder aus der Massentierhaltung und von Tiertransporten führen seit den 70er Jahren immer wieder zu einem Aufschrei in der Bevölkerung.

Christliche Vegetarier sehen die Präambel ihres Kochbuchs ohnehin durch 1. Mose 1,29 vorgegeben: »Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise.« »Vegetarische Ernährung kann ebenso vielfältig wie genussvoll sein«, verspricht Thomas Schönberger, Vorsitzender des Vegetarier-Bundes-Deutschlands e.V. (VEBU). Neben dem religiösethischen religiösethischen Empfinden glauben Vegetarier sich einfach gesünder zu ernähren. »Fleisch, Milchund Ei-Produkte machen die Menschen krank«, bringt es Bruce Friedrich, Präsident von PETA in Amerika, auf den Punkt. »Sie enthalten überhaupt keine Ballaststoffe oder komplexen Kohlenhydrate und sie sind voller minderwertigem Fett und Cholesterin. Kurz gesagt: Fleisch, Milch und Eier sind gut geeignet, um uns schnell fett und lahm zu machen. Langfristig verursacht ihr Konsum Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Schlaganfall, Bluthochdruck und vieles mehr.

»Vegetarier leben länger«, das Aktionsmotto des letzten Weltvegetariertages, wird von zahlreichen wissenschaftlichen Studien gestützt. Sie bescheinigen vegetarisch lebenden Menschen eine bessere gesundheitliche Konstitution, bessere Laborwerte und eine höhere Lebenserwartung. Viele Zivilisationskrankheiten – auch Gicht, Rheuma und Diabetes – kämen bei VegetarierInnen wesentlich seltener vor als bei FleischesserInnen, resümiert der Vegetarier-Bund. Zu diesem Ergebnis gelangten auch Studien im In- und Ausland, die über mehrere Jahre die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten sowie die Lebenserwartung von VegetarierInnen und FleischesserInnen miteinander verglichen haben. Die oft geäußerte Behauptung, VegetarierInnen seien nur deshalb gesünder und lebten länger, weil sie allgemein eine besonders bewusste Lebensweise praktizierten, wurde durch die weltweit umfangreichste VegetarierInnen-Studie mit 11.000 Personen über zwölf Jahre entkräftet. Dort nämlich sind VegetarierInnen und eine Kontrollgruppe mit weitgehend gleicher Lebensweise und gleichem sozialen Status untersucht worden. 

Steigender Fleischkonsum

Werner Hartinger, Vorsitzender der »Ärzte gegen Tierversuche«, sieht einen direkten Zusammenhang zwischen steigenden Zivilisationskrankheiten und drastisch veränderten Ernährungsgewohnheiten: »Noch vor 80 Jahren waren Getreide, Gemüse, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Obst und gelegentlich auch Milchprodukte überwiegend die Grundlagen unserer Ernährung. Mit steigendem Lebensstandard aber wurden sie zunehmend durch Fleisch, Fisch, Eier und vitalstoffarme Nahrungsmittel sowie durch gekochte oder sterilisierte Milchprodukte ersetzt. So verzehrten die Amerikaner und Westeuropäer gegenüber 1900 rund 33% mehr Milchprodukte, 50% mehr Rindfleisch, 72% mehr Fisch, 190% mehr Eier und 280% mehr Geflügel.«

Auch Marketing brachte das Fleisch in die Köpfe: Fleisch sei Protein- Spender Nummer eins, gar »ein Stück Lebenskraft«, wie die Zentrale Marketinggesellschaft der Agrarwirtschaft, CMA, in Anzeigen hervorhebt. »Irrtum«, kontern Vegetarier. Zwar sei es richtig, dass ohne Eiweiß nichts läuft, aber man hätte durchaus die Wahl, Tiere zu essen, die Pflanzen fressen, oder gleich pflanzliches Eiweiß zu sich zu nehmen.

Pflanzliches Eiweiß genügt

Alle Eiweiße, gleich ob tierischen oder pflanzlichen Ursprungs, setzen sich aus etwa 20 verschiedenen Aminosäuren zusammen. Acht davon kann der menschliche Organismus nicht selbst herstellen, sie müssen daher mit der Nahrung zugeführt werden. Diese acht »essenziellen« Aminosäuren sind alle in Pflanzen enthalten, allerdings in unterschiedlichen Mengen. Also: Menschen brauchen essenzielle Aminosäuren, nicht Fleisch. »Manche Fleischwerbung fällt schon lange mit einer allen aktuellen ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechenden Werbestrategie auf. Wissenschaftliche Aussagen, die eine deutliche Verringerung des Fleischkonsums empfehlen, werden hartnäckig ignoriert«, empört sich Chef- Vegetarier Thomas Schönberger.

Auch Milch und Milchprodukte enthalten essenzielle Aminosäuren, bieten also vollwertiges Eiweiß. Das stimmt, treibt aber die Veganer, die auch Milchprodukte meiden, auf die Barrikaden. Tierisches Eiweiß lagere sich nämlich in den Blutgefäßen und im Zwischengewebe ab und verhindere so den Durchtritt der Vitalstoffe in die Organe, Muskeln, Knochen, Gelenke und Haut. Das tierische Eiweiß wird auch mit der starken Zunahme von Allergien und Hautkrankheiten, wie z.B. Neurodermitis, in Verbindung gebracht. Einige Pflanzen, wie die Sojabohne, enthalten ebenfalls alle essenziellen Aminosäuren. VegetarierInnen nehmen zwar weniger Eiweiß zu sich als FleischesserInnen, doch sei gerade das ein wichtiger Grund für den besseren Gesundheitsstatus der Vegetarier.

Nicht nur den Menschen ruiniere der Fleischkonsum, sondern gleich den ganzen Planeten, argumentieren Vegetarier. Der renommierte Zivilisationskritiker Jeremy Rifkin hat vor einigen Jahren den ganzen Unsinn moderner Rinderhaltung in dem Buch »Das Imperium der Rinder« auf den Punkt gebracht. »Wenn wir aus der BSE-Krise etwas lernen können«, schreibt er im aktualisierten Vorwort, »dann ist es die Erkenntnis, dass die  organisierte Misshandlung von Tieren für uns selbst zu einem ernsten Risiko wird. Vegetarische Tiere zum Fleischfressen zu zwingen und, noch schlimmer, sie mit den Überresten ihrer eigenen Spezies zu füttern und sie somit zu Kannibalen zu   machen, ist verwerflich und widerspricht allen ethischen Grundsätzen.« Und weiter: »Meine persönliche Ansicht ist, dass unsere Ur-Ur-Ur- Urenkel im 22. und 23. Jahrhundert schockiert und angewidert sein werden von der Vorstellung, dass ihre Vorfahren Rinder und andere empfindende  empfindende Tiere schlachteten und aßen.« Die Fleischproduktion in dem heutigen Ausmaß zerstöre den Boden und wichtige Biotope, sei eine der Hauptursachen für globale Wasserverschwendung und -verschmutzung und sei stark beteiligt am globalen Klimawandel.

Tierhaltung und Hunger

»Durch die Senkung des Fleischkonsums auf ein auch der Gesundheit förderliches Maß könnte ein Viertel der klimarelevanten Emissionen vermieden werden«, formulierte jüngst die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zum Schutz der Erdatmosphäre. »Der Übergang zu einer stärker pflanzlich orientierten Ernährung eröffnet somit das mit Abstand größte Einsparpotenzial   im Ernährungssystem. Darüber hinaus würden die volkswirtschaftlichen Folgekosten der ernährungsbedingten Krankheiten von 25 Milliarden Euro pro Jahr erheblich reduziert.« 

Anderen wäre schon mit Brosamen gedient: Die globale Fleischindustrie sei nämlich auch mitverantwortlich für Hunger und Elend in der Dritten Welt: Die Agrar-Nutzflächen wurden in den letzten Jahrzehnten zunehmend für die Tierhaltung und Futterproduktion verwendet und beanspruchen heute mehr als 64% der gesamten Anbauflächen. Die Masttiere fressen die Hälfte der Getreide-Welternte und mehr als 90% aller angebauten Sojabohnen. Bei dieser »Umwandlung« der Nährstoffe zu Fleisch gingen über 90% der Pflanzeneiweiße, 92 % der pflanzlichen Kohlehydrate und 100% der Faser- und Ballaststoffe verloren.

Allein in den USA könnte eine Reduktion des Fleischkonsums um nur 10% mehr als 1 Milliarde Menschen ernähren – ganz ohne die so genannte Grüne Revolution, die von der Agrarindustrie gerne als Heilmittel für den Welthunger propagiert wird. Vegetarismus als Waffe gegen den Hunger, als friedensstiftende Maßnahme und aktiver Umweltschutz – auch eine Perspektive. jre   Öko-Krise & Veggie-Info Fakten zur Umweltbelastung durch die industrielle Massentierhaltung Öko-Systeme 325.000 qkm Regenwald werden pro Jahr vernichtet. Abfall Allein in den USA produzierten Nutztiere für den menschlichen Verzehr 130 Mal mehr Exkremente als die ganze Weltbevölkerung. Eine typische Schweinefarm produziert so viel Exkremente wie eine Stadt mit 12.000 Einwohnern. Landverbrauch 80 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche dient der Viehzucht. Auf jedem Hektar Land können 22.500 kg Kartoffeln, aber nur 185 kg Rindfleisch produziert werden. Wasser 20.000 Liter werden benötigt, um 1 kg Fleisch herzustellen, 50 Liter für 1 kg Weizen. Energie Mehr als ein Drittel der Rohstoffe und des fossilen Brennstoffes werden in den USA für die Aufzucht von Nutztieren verbraucht.              jre

Tipps zum Weiterlesen und Kochen

»Vegetarismus – Grundlagen, Vorteile, Risiken«, Claus Leitzmann, 125 S., C.H. Beck Verlag, 7,50 l »vegetarisch – so starten Sie durch«, 24-S.-Broschüre gegen 1,44l Rückporto von PETA-Deutschland e.V., Pforzheimer Straße 383, 70499 Stuttgart »So geht's vegetarisch – jetzt einsteigen! «, 52-S.-Broschüre, für 4.50 l, inkl. Probeheft des Magazins »natürlich vegetarisch « bei: Vegetarier-Bund Deutschlands e.V., Blumenstraße 3, 30159 Hannover »Studien mit Vegetariern«, 32 S., 1,50 l beim Vegetarier-Bund (s. o.)

 

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